Eric Metaxas: Bonhoeffer, Pastor, Martyr, Prophet, Spy.

Eine mißlungene Bonhoeffer-Biographie aus den USA

Bonhoeffer – Pastor, Martyr, Prophet, Spy

Thomas Nelson Verlag, Nashville 2010

 Kann man eine brauchbare Bonhoeffer-Biographie schreiben, ohne sich mit der Geschichte der Hitlerdiktatur und dem Kirchenkampf in Deutschland auseinander-gesetzt zu haben? Der Amerikaner Eric Metaxas hat das versucht und ist damit auf eine geradezu spektakuläre Weise gescheitert. Dass sein Buch fast auf jeder Seite sachliche Fehler enthält, können wir hier übergehen; nicht aber, dass er einen Bonhoeffer beschreibt, den es so nie gegeben hat. Metaxas rechnet Bonhoeffer zu den „born again Christians“ und beschreibt ihn für die sich so bezeichnenden Gruppen in den USA. Damit ist eine konfessionsübergreifende  konservativ-reaktionäre Bewegung in der amerikanischen Christenheit gemeint, die Wert legt auf ein persönliches Bekehrungserlebnis und einen Glauben, der im eigenen Bewusstsein verankert ist. (Bonhoeffers Satz: „Der Christus im Bruder ist mir näher als der Christus im eigenen Herzen.“ muss in dieser Denkrichtung de facto zur Irrlehre werden) Diese Bewegung ist auch politisch aktiv und unterstützt  die besonders konservative Richtung unter den Republikanern im Kongress. Metaxas bekennt offen, dass er Bonhoeffer für diese Bewegung gewinnen will, indem er ihn den kritischen, auf eine auf Frieden, solidarische und ökologisch orientierte Lebensführung ausgerichteten, aber auch den an Bekenntnis und liturgischer Tradition orientierten Kirchen entreißen will. Dass man den durch Luthers Rechtfertigungslehre und Barths dialektische Theologie geformten Theologen Bonhoeffer, der dann einen besondern Zugang zur Bergpredigt gefunden hat, so nur missdeuten kann, liegt auf der Hand. Der eigentliche Vorwurf, den man Metaxas machen muss, ist, dass er sich der hier liegenden Aufgabe nicht bewusst war und sie sich deshalb auch nicht gestellt hat. Man muss leider sagen, dass er unter den vielen evangelikalen Versuchen, Bonhoeffer für die eigene Theologie fruchtbar zu machen, den bislang schlechtesten vorgelegt hat.

Ein entscheidender Fehler liegt schon darin, dass die Entwicklung Bonhoeffers weder in dessen Kindheit und Jugend, noch in seiner Studentenzeit gezeigt wird. Als Beispiel kann die Darstellung der Romreise des 18jährigen Studenten mit seinem älteren Bruder Klaus dienen, die mit der grotesken Behauptung eingeleitet wird, dass Italienreisen aus Abneigung gegen Frankreich und England nach dem ersten Weltkrieg unter den in Deutschen in Mode gekommen seien. Der Frage: Was ist die Kirche? widmet Metaxas einen eigenen Abschnitt, läßt ihn mit der Palmsonntagsmesse im Petersdom beginnen und erklärt, dass Bonhoeffer hier nicht nur die Universalität der Kirche entdeckt habe, sondern zählt sogleich auf, dass die Dissertation „Sanctorum Communio“ und die Habilitationsschrift „Akt und Sein“ hier ebenso ihren Ursprung hätten wie Bonhoeffers spätere Ablehnung einer Theologie der Schöpfungsordnungen und jeglicher Rassentheorie. Auf die Dissertation geht Metaxas später überhaupt nicht ein, und zu „Akt und Sein“ zitiert er lediglich einen Text von Bethge. Aber schon im Rom-Kapitel überhöht er die Rolle Bonhoeffers, wenn er schreibt: Später, bei der Übernahme der lutherischen Kirche durch die Nazis, wird er die Führung bei der Gründung der Bekennenden Kirche übernehmen. Kein Wunder, dass ein so ungewöhnlicher junger Mann es dann auch irgendwie schafft, eine Audienz beim Papst zu bekommen, die ihn dann tief enttäuschte. (Bonhoeffer hatte sich eine Karte für eine der zahlreichen Papstaudienzen für Pilgergruppen besorgt.) Jeder Leser, der vom Kirchenkampf noch nie etwas gehört hat, um von einer „Theologie der Schöpfungsordnungen“ ganz zu schweigen, wird hier hoffnungslos überfordert, statt dass das alles nach und nach in einer Erzählung entfaltet wird.

Nicht weniger störend sind die Wertungen, die Metaxas vornimmt. Harnack, um ein wichtiges Beispiel zu nennen, ist für ihn der böse Geist der Berliner Fakultät, der z.B. das Johannesevangelium „ für nicht für kanonisch“ hält. (Lateinische Zitate sind bei ihm fast immer fehlerhaft, und Worte wie „kanonisch“ versteht er nicht. Über sein Deutsch kann man nur schmunzeln, wenn er später im Buch die „Saüberung“ oder mehrere Male die „Gleischaltung“ durch die Nazis erwähnt.) Nach Metaxas glaubt Barth, dass es Gott gibt, während Harnack, den er „die graue Eminenz“ nennt, das nicht tue. Bonhoeffers Satz: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“, ist ihm unbekannt, weil er sich die Lektüre von „Akt und Sein“ begreiflicherweise erspart hat. Bonhoeffer soll seine Seminararbeit für Seeberg über „pneumatische und historisch-kritische Exegese“ gegen Harnack geschrieben haben, dem er dann aber graciously (mein Wörterbuch übersetzt graciously mit huldvoll, gütig, gnädig) im Namen der Seminarteilnehmer gedankt habe. Das ganz ungewöhnliche Verhältnis zwischen Harnack und Bonhoeffer, wird auf eine Weise entstellt, dass beide überhaupt nicht in den Blick kommen. Dann wundert es einen auch nicht mehr, wenn Metaxas Karl-Friedrich, Klaus und Emmi Bonhoeffer zu Nichtchristen erklärt, ein Urteil, das im Munde Bonhoeffers völlig undenkbar ist. D.h. er hat es auch am normalen Autorenfleiß fehlen lassen und so etwas nicht überprüft

So vermutet man bereits bei der Lektüre der ersten Kapitel, dass Metaxas mit der „neuen Theologie aus Tegel“ Schiffbruch erleiden muß, und so ist es dann auch.

(Nur der Ausdrück „religionsloses Christentum“ kommt dabei vor, im übrigen erklärt er alle Deutungen dieser Texte für Mißverständnisse der Ausleger.) Die beiden Aufenthalte Bonhoeffers in den USA sind ihm begreiflicherweise besonders wichtig, dort sei er zum einem wiedergeborenen Christen geworden; und hier gibt es die eine oder andere Schilderung, die man mit Interesse und Gewinn liest. So,wenn er die Geschichte des von Bonhoeffer kritisierten Predigers Fosdick erzählt oder das kirchliche Leben in der der Abyssinian Baptist Church beschreibt.

Dass Metaxas um Bonhoeffers theologische Entwicklung einen Bogen macht, kann man verstehen, weil ihm die dafür nötigen Kenntnisse fehlen, nicht aber warum er Bonhoeffers Weg in die ökumenische Bewegung, seine Wahl zum internationalen Jugendsekretär und seine Teilnahme an den ökumenischen Versammlungen vor 1933 ganz ausblendet. Seine Appelle an die Ökumene und sein Kontroversen mit deren Genfer Stellen während der Jahre 1933 bis 1938 bleiben darum unverständlich. Mit dem Beginn der Hitlerdiktatur 1933, wo Metaxas Hitler zum „demokratisch gewählten“ Reichskanzler macht, beginnen die ärgerlichsten Mißverständnisse. Er rühmt Bonhoeffers Schrift „Die Kirche vor der Judenfrage“ zu recht, kennt sich aber in der Geschichte der Judenverfolgung nicht wirklich aus. Franz Hildebrandt, der nach der krausen Terminologie der Nazis ein „Halbjude evangelischer Konfession“ war, wird bei ihm einfach zum „Juden“, und er wundert sich dann, dass Hildebrandt trotzdem von der Bekennenden Kirche ordiniert werden konnte.

Ein gewissenhafter Biograph Bonhoeffers muss dessen Leben bis 1939 als ein Leben für die Bekennende Kirche im nationalsozialistischen Deutschland – mit dem wichtigen Zwischenspiel in London – schildern. Wenn man dabei Ludwig Müller, den Reichsbischof, zu einer der Hauptfiguren macht, die Phase unter dem Kirchenminister Hans Kerrl aber weglässt und von der dritten Phase mit Friedrich Werner Leiter der Deutschen Evangelischen Kirche und zugleich der altpreußischen Kirche kaum etwas erwähnt, kann das auch nicht annähernd gelingen. Der zermürbende Kampf Bonhoeffers gegen die „Legalisierung“ seiner Schüler bleibt dann unerwähnt. Stattdessen wird der Direktor des Predigerseminars Finkenwalde zur einsamen Lichtgestalt, der die Bekennende Kirche von „Barmen“ nach „Dahlem“ – also zwei Synoden, an denen er gar nicht teilgenommen hat – geführt haben soll. Selbst ein Niemöller bleibt neben ihm blass; andere wichtige Mitstreiter werden nicht einmal erwähnt. Wer die wirkliche Geschichte kennt, wundert sich dann, wieso plötzlich von den 800 Pfarrern die Rede ist, die zur gleichen Zeit im Gefängnis sitzen, während Bonhoeffer in Freiheit bleibt. Er verzeichnet das Bild seines „Helden“ ins Groteske, wenn er ihn im Widerstand zu einer entscheidenden Figur im Kampf gegen Hitler macht, Bonhoeffers innere Entwicklung dabei aber völlig ausblendet.

Metaxas kann kein Deutsch und kann die Quellen nur lesen, soweit sie übersetzt sind. Aber es gibt die Bethge-Biographie auf Englisch, und man fragt sich, wieso er sich mit deren Hilfe nicht kundig gemacht hat. Sein Buch liefert keinen Beitrag zum Verständnis von Person und Theologie Bonhoeffer, man kann sein Buch nur mit Gewinn lesen, wenn man die theologische Richtung zu deren Sprecher sich Metaxas gemacht hat, und deren höchst problematische Methoden kennen lernen will.

 

Hans Pfeifer

 

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Dietrich Bonhoeffer, Christ und Zweitgenosse in schwerer Zeit.

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war für Europa eine Zeit schwerster Krisen. Allen voran sind die beiden furchtbaren Weltkriege zu nennen, aber auch Inflation und Wirtschaftskrise. Hinzu kam eine heute manchmal vergessene geistige Krise, die man als den Sturz der bürgerlichen Kultur bezeichnen kann. Das Bürgertum, und mit ihm das Christentum, verlor seine bis dahin führende Rolle in der Gesellschaft. Eine Massengesellschaft entstand und führte eine Identitätskrise herbei, die uns bis heute auf vielerlei Weise verfolgt.

In dieser Zeit lebte der Theologe Dietrich Bonhoeffer (geboren 1906, hingerichtet 1945).  Er spürte diese Krise besonders intensiv und entschied sich für ein Christentum neuer Art. Die bisherigen Formen genügten ihm nicht mehr. Er wollte eine Kirche, die aus sich selbst heraus, ohne staatliche Unterstützung, nur durch den Geist des Glaubens und der Gemeinschaft getragen, leben sollte. Er nannte das Nachfolge Christi. Gerade als er daran ging, dies Konzept in kleinen Gruppen zu organisieren, bemächtigten sich in Deutschland die Nationalsozialisten der Macht und errichteten eine Terrorherrschaft. Viele, auch in den Kirchen, verfielen deren medial gesteuerter Suggestion, in der die Massengesellschaft zum ersten mal ihre gefährliche Seite zeigte. Die von den Herrschenden Ausgegrenzten wurden verfolgt, geknechtet und millionenfach umgebracht. Das kann eine Kirche nach Bonhoeffers Auffassung nicht tatenlos mit ansehen. Er hoffte, dass die weltweite Ökumene sich einmischen würde. Als dies nicht oder nur in ganz geringem Umfang geschah, schloss er sich der Widerstandsbewegung an, fungierte als Kurier ins Ausland  und stimmte den Plänen eines Attentats auf Hitler zu. Als das entdeckt wurde, wurde er hingerichtet.

Manches an Bonhoeffer ist Vergangenheit, anderes hochaktuell. Darum lohnt es sich, seiner aus Anlass seines 100. Geburtstags zu gedenken und seine Bedeutung für die Gegenwart zu entdecken.

Hans Pfeifer

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Die Bedeutung der Jugendbewegung für Dietrich Bonhoeffer

Der Artikel ist zu finden im „Dietrich Bonhoeffer Jahrbuch 2003″, Gütersloh 2003 (ISBN 3-579-01890-6)

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